Dörfler.IngenieurBüro
Dr.-Ing. Günther Dörfler
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Beruf und Ethik

Der Beruf des Bauingenieurs...

WĂ€hrend meiner TĂ€tigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am „Institut fĂŒr Technologie und Management im Baubetrieb“ der UniversitĂ€t Karlsruhe wurde ich vom Institutsleiter Professor Fritz Gehbauer mit der Aufgabe betraut, ein Informationsheft ĂŒber das Berufsbild des Bauingenieurs zu erstellen . Das Heft sollte dazu beitragen, interessierten jungen Menschen die vielfĂ€ltigen TĂ€tigkeitsgebiete des Bauingenieurs nĂ€herzubringen und somit auch als Hilfestellung bei der Studienwahl dienen. In der Tat beinhaltet der Begriff „Bauingenieur“ eine dermaßen große Vielfalt an beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten, dass eine umfassendere ErlĂ€uterung hilfreich ist. Und gerade diese Vielfalt ist es, was diesen Beruf so spannend macht und niemals langweilig werden lĂ€sst. In den Vorbemerkungen des genannten Informationsheftes haben wir seinerzeit Folgendes zusammengefasst:

Um den Begriff „Bauingenieur“ wenigstens annĂ€hernd definieren zu können mĂŒssen wir uns erst einmal von der im Deutschen gebrĂ€uchlichen Berufsbezeichnung lösen. NatĂŒrlich beschreibt das Wort „Bauingenieur“ zunĂ€chst einmal jemanden, der baut. Aber bauen wĂ€re widersinnig ohne

  • BerĂŒcksichtigung der Menschen, fĂŒr die gebaut wird
  • BerĂŒcksichtigung ihrer BedĂŒrfnisse
  • Beachtung der Umwelt, in der das Bauwerk stehen und eingebunden werden soll
  • RĂŒcksicht auf die Nutzbarkeit des GebĂ€udes
  • Achtung Ă€sthetischer Merkmale.

Es wird nicht um des Bauwerks Willen gebaut, sondern es wird fĂŒr die Menschen und zunehmend auch fĂŒr die Natur gebaut. Das Resultat ist das Bauwerk, aber der Weg dorthin ist gekennzeichnet von einer Vielzahl von Randbedingungen und Überlegungen, die alle in die Planung, den Entwurf, die Tragwerksberechnungen und schließlich in den Bau mit einfließen mĂŒssen und die oftmals nur indirekt mit dem Bauen zu tun haben. Zum Beispiel sind dies

  • soziologische Aspekte
  • ökologische Aspekte
  • wirtschaftliche Aspekte
  • kulturelle Aspekte

die vom Bauingenieur beachtet werden mĂŒssen und fĂŒr die er somit das nötige VerstĂ€ndnis aufbringen muss.

LandlĂ€ufig ist der Bauingenieur bei uns „der Statiker“. Dies trifft jedoch nur einen Teilbereich des Berufsfeldes. NatĂŒrlich gibt es Bauingenieure, die im Bereich Statik tĂ€tig sind, aber wenn man nach einer genaueren Begriffsbestimmung fĂŒr den Bauingenieur sucht, könnte man sich an die treffendere englische Bezeichnung „Civil Engineer“ halten. Sie beschreibt viel besser sein TĂ€tigkeitsfeld. Wörtlich ĂŒbersetzt heißt das „Zivilingenieur“ oder „Ingenieur fĂŒr die Allgemeinheit“. Und wirklich ist der Bauingenieur in der AusĂŒbung seines breiten Berufsfeldes fĂŒr die „civitas“, die Allgemeinheit, tĂ€tig. Diese TĂ€tigkeiten beruhen auf einer Wechselbeziehung zwischen dem Bauingenieur und der Gesellschaft. Die Gesellschaft stellt Anforderungen, gibt Lebensbereiche vor und beeinflusst durch Anregungen und Kritik. Der Bauingenieur plant und baut aufgrund dessen fĂŒr die Gesellschaft und trĂ€gt somit zu deren Entwicklung in

  • LebensqualitĂ€t
  • Lebensstil
  • Umweltbewusstsein
  • Umgangsformen

bei. Dabei sind die Bereiche, in denen sich der Bauingenieur beruflich betÀtigt unter Anderem

  • Siedlungswesen, Versorgung mit Wohnraum
  • Energieversorgung
  • Verkehrswesen, Verkehrsinfrastruktur
  • Wasserversorgung und -entsorgung
  • Nachrichtentechnik
  • Sicherheitstechnik
  • Umwelttechnik


und die ethische Verantwortung

Aus dem beschriebenen Berufsbild ergibt sich zwangslĂ€ufig nicht nur eine selbstverstĂ€ndliche fachbezogene Verantwortung, sondern in großem Maße auch eine ethische Verantwortung der Gesellschaft gegenĂŒber. Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass bereits wĂ€hrend meiner Studienzeit Ende der 70er Jahre der Leiter des damals noch als „Maschinenwesen im Baubetrieb“ titulierten Instituts an der Uni Karlsruhe, Professor GĂŒnter KĂŒhn, im Rahmen der Institutsveröffentlichungen ein Heft mit dem Titel „Ethik und Management“ auflegte. Angesichts der aktuellen Banken- und Wirtschaftskrise war man damals offensichtlich seiner Zeit weit voraus.

„Niemand baut fĂŒr sich alleine“, so schrieb Professor Norbert Vogt, Leiter des „Lehrstuhls fĂŒr Grundbau, Bodenmechanik, Felsmechanik und Tunnelbau“ der UniversitĂ€t MĂŒnchen in einem Editorial der Fachzeitschrift „Bauingenieur“ . Professor Vogt geht in seinem Artikel auf eine der grĂ¶ĂŸten menschengemachten Katastrophen unserer Zeit im Bereich des Bauwesens ein, Die Tragödie vom Vajont, die sich 1963 in einem engen Tal in den norditalienischen Alpen, weniger als 100 km von Venedig entfernt, abspielte:

Geplant war eine 200 m hohe Staumauer im Vajont-Tal, um einen Stausee mit 50 Mio mÂł Fassungsvermögen zu schaffen. Das geologische Gutachten zum Projekt war in Bezug auf die Standsicherheit der steilen TalhĂ€nge wenig aussagekrĂ€ftig. Die Genehmigung des Projektes wurde ohne grĂ¶ĂŸere öffentliche Diskussion von einem nicht beschlussfĂ€higen Gremium ausgesprochen. Die erste Planung wurde erweitert, die Staumauer sollte jetzt 260 m hoch werden, das Seevolumen 250 Mio mÂł betragen. Der geologische Gutachter machte deutlich, dass er sich bei der Beurteilung der Erweiterung ĂŒberfordert fĂŒhlte. Dennoch unterzeichnete er eine positive Stellungnahme, die weitgehend vom Projektentwickler diktiert worden war.

Auch das erweiterte Projekt wurde genehmigt – mit dem Bau war zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen worden – allerdings wurden ergĂ€nzende geologische Untersuchungen gefordert. Nach ihrer DurchfĂŒhrung zog der neue Gutachter den Schluss, dass eine große Gefahr von Bergrutschen besteht. Der bereits weit fortgeschrittene Bau wurde aber nicht gestoppt, vielmehr holte man weitere Gutachten mit gĂŒnstigeren Aussagen ein und bagatellisierte eindeutige Hinweise auf Rutschschollen. Eine funktionierende Bauaufsicht bestand nicht. Vielmehr wurde das zustĂ€ndige staatliche Kontrollorgan nur einseitig informiert und zu gutem Essen eingeladen.

Vajont-Staumauer von Longarone aus gesehen Vajont-Staumauer von Longarone aus gesehen.

Nachdem die Hinweise auf Rutschungen nicht mehr zu leugnen waren, ließ die Projektgesellschaft eine Modelluntersuchung durchfĂŒhren, wie sich eine Großrutschung auswirken wĂŒrde. Das Modell war nur eingeschrĂ€nkt tauglich. Man kam aber zum Schluss, dass die obersten 30 m im Staubecken nicht gefĂŒllt werden dĂŒrfen, um Platz fĂŒr eine Flutwelle zu belassen. Bei einer ProbefĂŒllung trat bei weniger als der halben FĂŒllhöhe eine große Rutschung von 700.000 mÂł Gestein auf, weitere drohende große Rutschungen waren erkennbar. Man baute daher einen Bypass-Stollen, der es ermöglichen sollte, dass auch nach einer Großrutschung, die den See zum Teil verschĂŒtten wĂŒrde, der Stausee kontrolliert befĂŒllt und entleert werden konnte.

Bei weiteren ProbebefĂŒllungen zeigten Seismometer an, dass das Gestein an den Bergflanken in der Tiefe zerreißt. Die Rutschbewegungen nahmen ĂŒberproportional zu. Trotz aller Indikatoren fĂŒr die Gefahr wurden die ProbebefĂŒllungen fortgesetzt, sogar ĂŒber die o.g. reduzierte FĂŒllhöhe hinaus, da man die offizielle und uneingeschrĂ€nkte Abnahme der Anlage erreichen wollte.

Am 9.10.1963 lösten sich 260 Mio mÂł Gestein und stĂŒrzten schlagartig in den vollen See. Eine gewaltige Flutwelle schwappte ĂŒber die Staumauer, die dabei nicht zerstört wurde. Die Flut löschte unterhalb des Stausees die Stadt Longarone und weitere kleine Ortschaften aus.

Abrisskante am Berghang
Der katastrophale Bergsturz mit 260 Mio mÂł Gestein. Gut zu erkennen die Abrisskante am Berghang. Die Schutthalde ist inzwischen mit BĂ€umen bewachsen.

Longarone am Tag danach
Longarone, am Tag danach.

Großer Ehrgeiz, Inkompetenz, mangelnde Kontrolle, fehlende Transparenz (die verschiedenen Gutachter wurden voneinander abgeschottet), verhinderte öffentliche Diskussion sowie das unbeirrbare Festhalten an einem Projekt – wohl zur Vermeidung eines wirtschaftlichen Desasters – fĂŒhrten trotz AnkĂŒndigungen zur Katastrophe.


Lassen wir Bauingenieure es nie zu so etwas kommen, auch nicht im Kleinen. Wir bauen niemals fĂŒr uns oder nur fĂŒr unsere Bauherrschaft alleine. Werden wir unserer Verantwortung der Gesellschaft gegenĂŒber gerecht.


Anmerkung: FĂŒr Interessierte sind neben vielen anderen folgende Internetquellen zu empfehlen: